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Schriftzug Angewandte Genetik Collage von Motiven der Angewandten Genetik

Dahlem Research School

Member of Dahlem Centre of Plant Sciences (DCPS)

SFB973
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Elisabeth Schiemann

Auszug aus der deutschen Wikipedia

Agnes Marie Elisabeth Schiemann (* 15. August 1881 in Viljandi, Estland, † 3. Januar 1972 in Berlin) war eine deutsche Genetikerin, Kulturpflanzenforscherin und Widerstandskämpferin im "Dritten Reich".

Tabellarische Lebensstationen

1908 eine der ersten Frauen, die Naturwissenschaften an der Friedrich-Wilhelm-Universität studierte
1912 eine der ersten Frauen, die an der Friedrich-Wilhelm-Universität promovierte
1914-31 Assistentin bei E. Baur (Institut für Vererbungsforschung)
1924 eine der ersten Frauen die habilitierte (Landwirtschaftlichen Hochschule)
1931 2. Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität
ab 1935 Organisation von Seminaren (Lehrerfortbildung) zur Genetik wider die nationalsozialistische Rassenideologie im Rahmen der Kirche
ab 1938 Fluchthelferin für Juden in Deutschland
ab 1939 versteckte sie Juden in ihrer Wohnung und organisierte weitere Verstecke.
1939 Versagen der ordentlichen Professur wegen politischer Unzuverlässigkeit (Denunziation)
1940 Entzug der venia legendi wegen politischer Unzuverlässigkeit (Denunziation)
1943-45 Leiterin einer Abteilung in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (Berlin, Wien)
1946-49 Professorin für Genetik und Geschichte der Kulturpflanzen an der Berliner Universität (damals noch Friedrich-Wilhelm-Universität, erst seit 1949 Humboldt-Universität)
1948 Mitglied im Gründungskomitee der FU Berlin
1949-56 Leiterin einer Forschungsgruppe der Max-Plank-Gesellschaft (Berlin)
1954 Bundesverdienstkreuz
1954 Ehrenmitglied der Botanischen Gesellschaft Frankreichs
1956 Mitglied der Leopoldina
1959 Darwin-Medaille der Leopoldina
1962 Ehrenpromotion der TU Berlin
Elisabeth Schiemann

Agnes Marie Elisabeth Schiemann gehörte zu der ersten Generation der Frauen in Deutschland, die studieren konnten und denen – wenn auch zunächst noch in engen Grenzen – eine eigenständige berufliche Tätigkeit mit akademischem Abschluss offen stand. Seit 1908 studierte sie an der Universität Berlin und promovierte dort 1912 mit einer Arbeit über Mutationen bei Aspergillus niger. Von 1914 bis 1931 war sie Assistentin bzw. Oberassistentin an dem von Erwin Baur geleiteten Institut für Vererbungsforschung an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. Mit einer Arbeit über die Genetik des Winter- und Sommertypus bei Gerste habilitierte sie sich 1924 an der Landwirtschaftlichen Hochschule. Als Privatdozentin hielt sie ab 1931 Vorlesungen über Samenkunde und Fortpflanzungsbiologie. Ihr eigentliches Forschungsgebiet wurde jedoch die Geschichte der Kulturpflanzen. Von 1931 bis 1943 war Elisabeth Schiemann als Gastwissenschaftlerin am Botanischen Institut in Berlin-Dahlem tätig. 1932 erschien ihr Buch "Die Entstehung der Kulturpflanzen", das ihr internationale Anerkennung brachte und zu einem Standardwerk der Kulturpflanzenforschung wurde.

Elisabeth Schiemann

Da sie sich offen gegen die Rassenpolitik des Nationalsozialismus und deren pseudowissenschaftlicher Begründung, sowie auch gegen Judenverfolgung und Abschaffung des Mehrparteiensystems aussprach, geriet sie in Konflikt mit dem Regime und bekam 1940 als "politisch Unzuverlässige" die venia legendi entzogen.

Elisabeth Schiemann

Elisabeth Schiemann war aus der Sicht der Nationalsozialisten politisch unzuverlässig. Sie schrieb (1931 u. 1939), abgeleitet aus der Kulturgeschichte der Pflanzen, dass die meisten Völker Rassengemische sind und dass der Ursprung der Agrarkultur (vom Weizen) in Abessinien (Afrika), Indien und Mesopotamien zu suchen ist. Das stand im Kontrast zu nationalsozialistischen Kulturanthropologie, wonach nur die "nordischen Rassen" Kultur schaffen könnten und alle anderen Völker nur Nutznießer seien.

Elisabeth Schiemann

Sie organisierte (ab 1935) kirchliche Lehrerfortbildungen zur Genetik und beteiligte sich dort an den Seminaren zur Genetik wider die NS-Ideologie. In diesem Zusammenhang verfasste sie für die evangelischen Kirchengemeinden auch den Leitfaden zur Genetik "Rasse und Volk, biologisch gesehen" (1935). Darin konstatiert sie klar auf der Basis wissenschaftlicher Quellen: "Die Reinerhaltung der menschlichen Rassen ist wissenschaftlicher Unfug..."

Im Rahmen der Kirche schrieb sie als Mitglied der "Bekennenden Kirche" viele Briefe an die Kirchenoberen (z.B. M. Niemöller, H. Gollwitzer) gegen Judenverfolgung, gegen Arier-Paragraphen u.a. und forderte eindeutige Stellungnahmen der Kirche. Spätestens ab 1938 half sie Juden bei der Flucht aus Deutschland. Spätestens ab 1939 versteckte sie Juden (z.B. die Geschwister Wolfenstein) in ihrer Wohnung und organisierte weitere Verstecke. Man brauchte als Jude im NS-Deutschland ca. 15 Verstecke, um zu überleben.

Elisabeth Schiemann

1943 übernahm Elisabeth Schiemann die Leitung einer selbständigen Abteilung für die Geschichte der Kulturpflanzen am neu gegründeten "Kaiser-Wilhelm-Institut für Kulturpflanzenforschung" in Wien-Tuttenhof mit der Antwort an Hans Stubbe: "Ich komme sofort, wenn ich nie “Heil Hitler” sagen muss". Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zumindest einige Direktoren von der KWG, war als "Schutzdach" für einige Wissenschaftler bedeutsam. Das Wiener KWI war für Hans Stubbe (später Akademie der DDR) und Elisabeth Schiemann wichtig, auch wenn Elisabeth Schiemann stets von Berlin arbeiten sollte. In Berlin erhielt sie nach dem Krieg 1946 eine Professur an der dortigen Universität (Friedrich Wilhelm Universität). Ihre Forschungsarbeit konnte sie in behelfsmäßigen Unterkünften wieder aufnehmen. Sie war 1948 auch Mitglied im Gründungskomitee der FU Berlin. Als 1948 die Abteilung für Geschichte der Kulturpflanzen aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Kulturpflanzenforschung ausgegliedert wurde und zusammen mit den übrigen in Berlin-Dahlem verbliebenen Kaiser-Wilhelm-Instituten in die neu gegründete Stiftung "Deutsche Forschungshochschule" überführt wurde, legte Elisabeth Schiemann ihre Professur an der Friedrich Wilhelm Universität nieder. Von 1952 an hat Elisabeth Schiemann diese Abteilung als Forschungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft geleitet. Die Max-Planck-Gesellschaft ist die Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft. Nach ihrer Pensionierung im Jahre 1956 wurde die Abteilung aufgelöst.

Elisabeth Schiemann

Elisabeth Schiemann hatte stets viele internationale Kontakte und war als Gegnerin des Nationalsozialismus auch integer, so daß sie auch in der Wiederaufbauphase der deutschen Wissenschaftsinstitutionen nach dem Krieg und dem Neuaufbau internationaler Beziehungen eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Anfang der 50. Jahre war Elisabeth Schiemann als Professorin an der Berliner Universiät auch exponierte Kritikerin des Lyssenkoismus, der als Mitschurin-Biologie zwischen 1948-1960 in der DDR von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) propagiert wurde.

Elisabeth Schiemann

Elisabeth Schiemann ist für ihr wissenschaftliches Lebenswerk mehrfach ausgezeichnet worden. 1954 erhielt sie das Verdienstkreuz (Steckkreuz) des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Im gleichen Jahr wurde sie Ehrenmitglied der Botanischen Gesellschaft Frankreichs, 1956 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zu Halle/Saale und 1962 verlieh ihr die Landwirtschaftliche Fakultät der Technischen Universität Berlin die Ehrendoktorwürde, womit die Hochschule erstmals eine Frau ehrte.

Elisabeth Schiemann

Elisabeth Schiemann war auch exponierte Kritikerin der Mitschurin-Biologie, die zwischen 1948-1960 in der DDR hauptsächlich in der Schule, aber sicher auch an den Hochschulen in Leipzig, Halle und Dresden bedeutsam war, da die SED als moskautreue Partei diese "Awissenschaft" (Schiemann) übernahm. In der UdSSR blühte der Lyssenkoismus ab 1935 zunehmend auf, dominierte ab 1948 die Biologie und blieb bestimmende Einstellung bis 1965. In Ungarn, Rumänien und in der UdSSR starben deshalb Genetiker in den stalinistischen Systemen. In der DDR war der Lyssenkoismus "abgemildert", da die ostdeutschen Wissenschaftler im regen Austausch mit den westdeutschen Wissenschaftlern standen. Vor dem Mauerbau fuhr man noch zwischen West und Ost zu Seminaren z.B. von Gatersleben nach Ost- und West-Berlin oder auch Hannover, wo Hermann Kuckuck (Baur-Schüler) eine Professur innehatte. Hans Stubbe (Baur-Schüler) als Leiter des Instituts für Kulturpflanzenforschung, Gatersleben und auch als tragendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR sollte auf seine Weise in der DDR für etliche Genetiker von Bedeutung sein (u.a. H. Böhme, M. Zacharias, A. Müller), damit sie "normal" weiterarbeiten konnten, und auch für die Genetik, damit sie nicht in den politischen Mühlen eines stalinistischen Marxismus zerrieben wurde.

Elisabeth Schiemann erhielt 1959 auch die Darwin-Medaille der Leopoldina, was damals auch ein politischer Akt des Präsidiums der Leopoldina war, da von der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion zur Hochzeit des Lyssenkoismus und damit auch von der SED in der DDR (Mitschurin-Biologie) Evolution und Genetik als "kapitalistische Verformung" von Wissenschaft und die Ausgezeichneten zum Teil als Büttel dieser "Verformung" angesehen wurden (insbesondere: Dobzhansky, Muller, Schmalhausen, Timofeev-Resovskij, Tschetverikov). Die sowjetischen Wissenschaftler konnten u.a. deshalb auch nicht anreisen, da sie unter "Hausarrest" standen.

Preisträger der Darwin-Medaille der Leopoldina 1959

Preisträger Ort
Theodosius Dobzhansky (*) (1900-1975) Davis
Nikolaj P. Dubinin (1905-1998) Moskau
Sir Ronald Aylmer Fisher (*) (1890-1962) Cambridge
Åke Gustafsson (*) (1908-1988) Lund
Hitoshi Kihara (*) (1893-1986) Misima
Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald * (1902-1982) Utrecht
Alfred Kühn (1885-1968) Tübingen
Arne Müntzing (1903-1984) Lund
Hermann Joseph Muller (*) (1890-1967) Bloomington
Otto Renner (1883-1960) München
Bernhard Rensch * (1900-1990) Münster/Westf.
Elisabeth Schiemann (1881-1972) Berlin
Ivan Ivanovic Schmalhausen (*) (1884-1963) Moskau
George Gaylord Simpson * (1902-1984) New York
Hans Stubbe (1902-1989) Gatersleben
Nikolaj V. Timofeev-Resovskij (1900-1981) Obninsk
Erich Tschermak von Seysenegg (1871-1962) Wien
Sergej S. Tschetverikov * (1880-1959) Gorkij/Wolga

Literatur zu Elisabeth Schiemann

Es wird 2011 einen Band zum Symposium der Humboldt-Universität im Mai 2010 über Elisabeth Schiemann geben. Darin werden Beiträge zu verschiedensten Aspekten ihres Lebens von Martina Voigt, Annette Voigt, Ekkehard Höxtermann, Jost Lemmerich u.a. zu finden sein.

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